Zinsen im Zaun
Die Zeichen am Wirtschaftshimmel stehen für steigende Zinsen. Die Notenbanker beginnen darüber nachzudenken, die Billionen Dollars und Euros an Konjunkturhilfen wieder einzusammeln. Zinsabsicherungen sorgen dafür, dass die Kreditkonditionen nicht in den Himmel wachsen. Derzeit sind die Zins-Caps noch billig zu haben. Von Josef Ruhaltinger
Tante Jolesch war eine erfahrene Frau, erzählt Friedrich Torberg. Sie blieb gegenüber den Sonnenseiten des Lebens stets misstrauisch. Die alt-wienerische Gewissheit war in ihr tief verwurzelt, dass alles seine Kehrseite habe. Ihre Skepsis sammelte sich in dem Zitat, dass Gott vor allem hüten möge, „was noch ein Glück ist“.
Wenn heute nach der Finanzkrise Kredite billiger sind als vor 12 Monaten, dann muss man der Tante gedenken. Denn diese an und für sich gute Nachricht demonstriert, warum die Tante mit ihren Zweifeln an Glücksfällen recht behält. Das billige Geld ist ein direktes Ergebnis der globalen Finanzkatastrophe. Und damit ein Beispiel für das verzichtbare Glück im Unglück.
Für einen Unternehmer, der für eine Investition oder eine Umschuldung Geld braucht, ist die gegenwärtige Situation aber durchaus positiv. Die Menschen vergessen gerne, dass in Zeiten der Hochkonjunktur die Finanzierungen wesentlich teurer waren, als sie es derzeit sind.
Zinsen sind festgeschriebene Maßstäbe für die Befindlichkeit der Wirtschaft. Der historische Tiefstand des Leitzinses ist dem Bemühen der EZB geschuldet, mit billigen Krediten Unternehmen und Konsumenten die Lust am Investieren zu erhalten. Mittlerweile ist auch ausreichend flüssiges Geld in den Banken verfügbar, die beginnen, das Kreditgeschäft wieder zu ihren Kernkompetenzen zu zählen. Dafür wurde die Kreditklemme in den Banken von der Bonitätsklemme abgelöst – die Kreditsuchenden sehen sich mit rigiden Sicherheitserfordernissen konfrontiert.
Der Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken bei den Notenbanken Geld borgen können, ist seit Oktober 2008 um 3,75% auf das Rekordtief von ein Prozent gesunken. Der 3-Monats-Euribor, die häufigste Maßzahl für den Preis einer Finanzierung, ist im selben Zeitraum von 5,4 auf 0,7% runtergerasselt. Selbst bei den saftigen Aufschlägen der Banken – diese liegen derzeit bei 2 bis 3%, im Frühjahr 2008 gab es 0,75 bis 1,5% Aufschlag – ergibt sich eine Gesamtkondition, die unter jener liegt, die noch im Juni 2008 auf dem Markt zu haben war. Für Unternehmen bester Bonität sind Kredite von 6- bis 10-jähriger Laufzeit ab 3% am Markt. Diese Angebote sind allerdings variabel – und darin liegt in der aktuellen Wirtschaftssituation der Haken. Wird an der Zinsschraube gedreht, klettern die Ratenverpflichtungen nach oben. Vorausblickende Kreditnehmer sichern sich in ihrem Vertrag eine Zins-obergrenze – freilich gegen Aufpreis. Aktuell sind diese sogenannten „Zins-Caps“ allerdings vergleichsweise wohlfeil. Die Prämien werden steigen, wenn auch der letzte Taxifahrer verstanden hat, dass die Zinswende gekommen ist.
Die Vorzeichen verdichten sich: Die Norges Bank gab Ende Oktober bekannt, als erste Zentralbank in Europa den Leitzins um einen Viertelprozentpunkt von 1,25 auf 1,5% zu erhöhen. Die australische Nationalbank hatte bereits im Sommer ihren Leitzins angehoben. Auch wenn Norwegen wie Australien für ihre Aktionen unterschiedliche Beweggründe ins Treffen führen: Fakt bleibt, dass die Notenbanker auf der gesamten Welt darüber nachdenken, wie sie bei stabilen Konjunkturdaten die Billionen an Euros und Dollars wieder aus dem Geldmarkt bringen.




